Seit etwa eineinhalb Jahren betreue ich M., einen 25 jährigen Flüchtling aus Afghanistan. Er lebt zusammen mit seiner Mutter und zwei jüngeren Geschwistern in Lucherberg. Seine Familie ist anerkannt, er jedoch leider bisher nicht, was seine emotionale Situation erschwert.

M. macht in der Gaststätte Gut Merödgen eine Ausbildung zum Koch. Er ist jetzt im 2. Ausbildungsjahr und noch immer mit viel Engagement dabei. Im Februar legte er seine Zwischenprüfung mit einem guten Ergebnis ab.

Das war auch ein harter Weg. Wir treffen uns jeden Montag von 18 bis 20 Uhr in der Anziehbar und büffeln für die Berufsschule. Wenn M. zuhause lernt und Fragen hat, versuchen wir das Problem übers Handy zu lösen. Er ist sehr zuverlässig und wenn er einmal nicht kommen kann, weil er krank ist oder arbeiten muss, schickt er eine Nachricht. Das ist nicht selbstverständlich. Ich habe auch schon häufiger in der Anziehbar gesessen und vergeblich auf einen Lernwilligen gewartet!!

Die Anforderungen der Berufsschule sind aus meiner Sicht recht anspruchsvoll. Ich selbst war lange Jahre Lehrerin an einer Hauptschule und schon ziemlich überrascht. Für einen Schüler, der die deutsche Sprache beherrscht und unser 10 jähriges Schulsystem absolviert hat, liegt die Messlatte bereits hoch, erst recht für einen jungen Mann, der die Sprache erst erlernt und in vielen Fächern eigentlich bei Null anfängt. Hinzu kommen noch die belastenden psychischen Faktoren von Krieg und Flucht und der Verlust des Vaters, der erschossen wurde.

Einen Bericht in Deutsch zu schreiben, den inhaltlichen Aspekten gerecht zu werden und dabei auch noch die Darstellungsleistung zu beachten, wie korrekten Satzbau, Ausdruck, Grammatik und Rechtschreibung, das ist eine Herausforderung.

Auch Sprachen gehören zu den weiteren Fächern. Im ersten Jahr war es Englisch. Dies war für M. nicht allzu schwierig, da er in seiner Heimat bereits Englischunterricht hatte. Im 2. Ausbildungsjahr kam Französisch hinzu. M. fragte mich ganz vorsichtig: „Frau Helga, sprechen sie Französisch?“ Ja, vor 40 Jahren habe ich die Sprache in der Schule gelernt. Ein wenig ist wohl hängengeblieben.

Hinzu kommt der fachspezifische Wortschatz. Was ist in der Gastronomie relevant? Begriffe für die Beschäftigten: Chef, Sous-chef; den Tisch decken: Gläser, Besteck, Geschirr. Getränke und vieles mehr. Auch über Weine muss M. viel lernen. Welcher Wein wird wo angebaut? Was ist der Unterschied zwischen Sekt und Champagner? Die wichtigsten Namen von Champagner. Wie wird er hergestellt? Und Prosecco? Gerade das Thema Alkohol ist für einen Moslem schwierig, da er keine alkoholischen Getränke kennt. Schon der Unterschied zwischen Wein und Bier ist für ihn schwer.

Dies sind nur einige Aspekte, was unser Auszubildender an Wortschatz und Wissen in der Fremdsprache lernen muss. Ich habe auch viel dazugelernt und kenne jetzt auch die Qualitätsstufen der Weine in Frankreich.

Ein anderes Beispiel ist Politik. Auch hier bin ich überrascht, was der zukünftige Koch alles wissen soll. Das politische System der BRD ist für M. ebenso neu wie die Themen zu Vertragsrecht oder Geschäftsfähigkeit.

Auch Religion gehört zu den Fächern an der Berufsschule. Das führt dazu, dass wir häufig über unseren Glauben sprechen. Ich erfahre dabei viel Neues über den Islam und M. lernt mehr über das Christentum. Mir ist es bei unseren Gesprächen immer wichtig, Gemeinsamkeiten zu erkennen und auf ein friedliches Miteinander hinzuarbeiten.

Abschließend kann ich nur sagen, dass mir die Arbeit mit M. viel Spaß macht und es mir sehr wichtig ist, dass der junge Mann seine Ausbildung zum Koch erfolgreich beenden kann, Ich freue mich auf die Zeit nach Corona, wenn wir wieder arbeiten können

Helga Ohm